Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.
Johannes 20, 18

In der Ostererzählung des Johannesevangeliums ist Maria von Magdala die wichtigste Auferstehungszeugin von allen. Zwei Tage zuvor hat sie noch direkt unter dem Kreuz gestanden und miterlebt, wie Jesus vom Kreuz herab dem Jünger, den er besonders liebte, die Verantwortung für seine Mutter übertrug (Joh 19,25-27). So war sie mit zur unmittelbaren Augenzeugin des Todes Jesu geworden. Aber nun ist Maria von Magdala von diesen Personen die Einzige, die sich am Morgen nach der Sabbatruhe in aller Frühe auf den Weg zum Grab macht und entdecken muss, dass das Grab Jesu offensteht.

Sofort läuft sie zu den Jüngern und erzählt ihnen, dass jemand den Leichnam Jesu aus dem Grab weggenommen haben muss. Erst durch ihren Hinweis laufen Petrus und der Jünger, den Jesus liebte, ebenfalls zum Grab und sehen die leeren Leichentücher des Verstorbenen. Doch während die beiden in den Jüngerkreis zurückkehren, bleibt Maria vor Ort und sieht plötzlich zwei Engel im Grab sitzen. Die beiden Engel fragen die weinende Maria nach dem Grund ihrer Trauer und auch ihnen erzählt sie vom gestohlenen Leichnam. Aber bevor die Engel reagieren können, steht plötzlich Jesus selbst hinter Maria und fragt sie: „Frau, warum weinst? Wen suchst du?“

Die folgende Szene entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn Maria nun auch den vor ihr stehenden Jesus selbst fragt, ob er den Leichnam weggetragen habe. Offenbar hält sie ihn in ihrer Trauer für den Friedhofsgärtner. So fixiert ist sie noch auf ihren Verlust, dass sie den Auferstandenen nicht erkennt. Noch kann sie an nichts anderes denken, als an den toten Körper des Verstorbenen, der nicht mehr da ist, wo er sein müsste.

Doch dann ändert sich alles, als Jesus Maria mit ihrem Namen anspricht. In diesem Moment erkennt sie ihn als ihren „Rabbuni“, als ihren Lehrer. Und von diesem Lehrer erhält Maria nun den Auftrag, die Botschaft der Auferstehung zu den Jüngern zu bringen. Dabei soll sie zugleich auch die Ankündigung weitergeben, dass Jesus nun zum Vater hinaufgehen wird. So wird Maria von Magdala zur ersten Botschafterin der Auferstehung und zur Verkünderin der Himmelfahrt Jesu.

Im Zentrum der johanneischen Osterzählung steht somit nicht Petrus, der Anführer des Jüngerkreises. Selbst der im Johannesevangelium ansonsten immer wieder hervorgehobene Jünger, den Jesus besonders liebte, muss hier an die zweite Stelle treten. Die erste Person, die vom Auferstandenen auserwählt wird, ihn direkt zu erleben und die Osterbotschaft zu verkünden, ist die Frau, die bis zu Jesu Tod treu unter dem Kreuz blieb. Es ist diejenige, die am stärksten um den Gekreuzigten trauert und deshalb bereits früh morgens zum Grab geht und als einzige weinend am Grab bleibt, als die Jünger bereits wieder in die Stadt zurückkehren.

Ihre Treue wird mit der Erfahrung des Auferstandenen belohnt und ihre Trauer um seinen Tod durch sein Erscheinen überwunden. Das Erlebnis der Maria von Magdala wird so zur Kernerfahrung der mit ihr beginnenden weltweiten Ausbreitung der Auferstehungshoffnung. Am Anfang des christlichen Glaubens an den Auferstandenen steht das Zeugnis einer trauernden Frau, die nicht aufhört, nach dem Leichnam des Gekreuzigten zu suchen. In dieser Treue wird sie zur ersten Osterzeugin und durch ihre Verkündigung werden dann auch die anderen Jünger darauf vorbereitet, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Auferstandenen zu machen, um diese dann in alle Welt hinauszutragen.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Theologische Hochschule Elstal

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