
Jesus Christus spricht: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“
Johannes 10, 10
Wenn Jesus diese Worte spricht, ruft er nicht zu einem abstrakten Glücksgefühl auf, sondern zu dem wahren, von Gott gegebenen Leben, das er selbst in die Welt gebracht hat. Dieses Leben, das in der griechischen Sprache als zoë (ζωή) bezeichnet wird, ist nicht das bloße bios des Alltags, sondern das unvergängliche, von Gott erfüllte Leben, das in jedem Menschen wirkt, der den Herrn als Herrn und Retter annimmt.
Das Evangelium verkündet, dass wir durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus von der Macht der Sünde befreit werden und dadurch in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott hineingeboren sind. Aus dieser Zugehörigkeit zu Christus entsteht ein neues Leben, das nicht nur Seelenheil verheißt, sondern eine Fülle, die Freiheit, Frieden und Freude umfasst – ein Leben, das wir nicht für uns behalten dürfen, sondern dass wir in aller Öffentlichkeit bezeugen sollen.
Unser Alltag ist voll von Momenten, die Gott als Türen für das Evangelium nutzt, wenn wir nur bereit sind, sie zu sehen. Wenn wir in einem Café jemanden sehen, der traurig oder einsam aussieht, können wir durch ein einfaches Gespräch die Einsamkeit brechen und das Licht Christi in seine Situation bringen. Wenn wir an einer Bushaltestelle warten und das Gespräch mit einer älteren Person beginnen, öffnen wir einen Raum, in dem wir von Gottes Gnade erzählen können, und zeigen, dass das Evangelium eine lebendige und relevante Botschaft ist. Oder wenn wir im Büro ein Projekt abschließen, können wir das Lob nicht auf unsere eigenen Fähigkeiten richten, sondern den Herrn preisen, der uns die Kraft und Weisheit geschenkt hat, und damit ein Zeugnis dafür ablegen, dass unser Erfolg allein aus seiner Hand stammt.
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5, 24
Das Buch Amos hält eine bemerkenswerte Spannung aus: Auf der einen Seite steht eine tödliche Diagnose. Gleich zu Beginn von Kapitel 5 heißt es, das Volk Israel sei gefallen und werde nicht wieder aufstehen (Am 5,1–3). Die Worte sind hart, endgültig, fast ohne Auswegperspektive. Auf der anderen Seite aber ruft dieselbe prophetische Stimme leidenschaftlich: „Suchet das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebt“ (Am 5,14). Zwischen Gericht und Hoffnung bleibt also ein Raum offen – ein Raum, in dem Veränderung möglich ist.
Mitten in dieser Spannung steht der Monatsspruch aus Amos 5,24: „Möge das Recht heranrollen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.“ Dieser Vers wirkt auf den ersten Blick sperrig in seinem düsteren Umfeld. Und doch ist er das positive Gegenstück zu den Klagen der prophetischen Stimme, die anprangert, dass Recht in Wermut verkehrt und Gerechtigkeit zu Boden geworfen wurde (Am 5,7). Wo alles nach Untergang aussieht, wird der Gerechtigkeit immer noch eine Chance gegeben – eine große sogar.