
Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.
Prediger 4, 6
Im Vers davor heißt es: „Der Tor legt seine Hände zusammen und zehrt vom eigenen Fleisch“, soll heißen: der Tor lebt vom Ererbten oder Ersparten, obwohl er arbeiten könnte, soll heißen: Faulheit ist ein Zeichen von Anmaßung und Dummheit. Es könnte nun zwischen dem Vers 5 und dem Vers 6, also unserem Monatsspruch, ein Doppelpunkt stehen, und dann wäre unser Vers das Lebensmotto aus dem Munde des faulen Toren: „Genieße das Nichtarbeiten, Arbeit ist sowieso sinnlos.“ Als Ausspruch des Toren wäre der Vers dann nicht etwa eine Lebensweisheit, sondern eine Lebenstorheit und damit ungeeignet als Monatsspruch. Die meisten Exegeten weisen diese Deutung aus gutem Grund zurück. Es steht dort ja nicht, dass man beide Hände ruhen lassen soll, sondern nur die eine. Gewarnt wird nicht vor Arbeit, sondern davor, immer beide Hände voll Arbeit zu haben und nicht zur Ruhe zu kommen. Wo Arbeit und Erwerb nicht mehr Mittel zum Zweck eines verantwortungsvollen und gottesfürchtigen Lebens sind, sondern zum Selbstzweck werden, sind sie so sinnlos wie der Versuch, den Wind mit bloßen Händen einzufangen. Also doch eine Lebensweisheit.